– Interview mit Sabrina: « Wie soll man einem Mann Zuneigung oder gar Respekt entgegenbringen, wenn man all dies gesehen hat? »

DIE FRAU IM FENSTER

Interview mit Sabrina*

von Francine Sporenda

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Sporenda: Du hast einige Zeit [als Prostituierte] hinter einem Fenster gearbeitet. Kannst du mir dieses Umfeld ein wenig beschreiben?

Sabrina: Das war in einem Land im Norden, an der Küste in der Nähe des Hafens. Es war eine hübsche kleine Stadt; in dieser Straße gab es mehrere Fenster, die Straße hieß « Verloren Straat », die verlorene Straße…

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Sporenda: Ein passender Name…

Sabrina: Ja! Es war stark reguliert, wir hatten nicht das Recht, die Vorhänge zu öffnen, wie wir es wollten, sie mussten einen bestimmten Spalt breit geöffnet sein, ansonsten drohte uns eine Geldstrafe. Wir mussten vorsichtig sein, denn wir hatten Nachbarinnen, die eifersüchtig auf uns waren, die Französinnen, die systematisch die Polizei riefen. Das Arbeitsumfeld war eher angenehm, aber sie taten alles, damit wir uns nicht sehr wohl fühlten.

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Sporenda: Zu deinem ersten Fenster – hast du es direkt gemietet oder lief das über einen Zuhälter?

Sabrina: über eine Frau, Z, die mich drängte, in dieses Land zu gehen. Sie hatte einen Freund, er war es, der mich dorthin mitnahm, er fand auch schnell eine Wohnung für mich und gab mir ein wenig Hilfestellung. Das Anmieten ging auch über Beziehungen: Wir mieteten das Schaufenster von einem Mädchen, dessen Partner ein Freund des Partners von Z war; wir zahlten X, der Besitzerin des Fensters, 2000 pro Tag.

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Sporenda: Worin liegt der Unterschied zur « Arbeit » auf der Straße?

Sabrina: Es gibt einige Vorzüge: Es ist sicher und warm, und man kann sich waschen, so oft man möchte. Doch es gibt ein großes Problem bei der Arbeit in diesen Fenstern: Man ist gezwungen zu trinken, um den Kunden zum Konsum anzuregen. Im Innern der Fenster befindet sich eine Bar mit Getränken: Champagner, Piccolos. Im ersten Fenster gab es eine Art Salon mit einer Bar und einem großen Raum: Die Kunden bezahlten dafür 3000/4000 .

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Sporenda: Jede hatte ihr Fenster und ihr Zimmer, aber habt ihr euch die Salons geteilt?

Sabrina: Genau. Und die Kunden mussten trinken, und wir mit ihnen, des Geldes wegen. Die gute Seite war, dass ich im Fenster keinen schlimmen Attacken ausgesetzt war, anders als auf der Straße. Ich würde sagen, dass es im Fenster etwas weniger Angriffe gibt: Die Kunden wissen, dass jemand anders in der Nähe ist, und das hält sie zurück, sie wissen auch, dass im Falle eines Angriffs schnell jemand zur Stelle sein wird. Glauben Sie nicht, dass die Angreifer nur Schläger oder Asoziale sind: Unter ihnen sind auch gutsituierte Männer mit schicken Autos. Eine Freundin von mir wurde von einem Lehrer angegriffen und ich selbst von einem Typ, bei dem sich später herausstellte, dass er in der Armee war.

Der Nachteil des Fensters war, dass man jede Nacht trinken musste, das ruiniert die Gesundheit. Selbst wenn man heimlich etwas vom Inhalt des Glases wegschüttet, macht es einen krank.

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Sporenda: Eure Nachbarn waren also eng mit der Polizei verbunden und denunzierten euch wegen jeder Kleinigkeit?

Sabrina: Sie fanden unsere Aufmachung zu aufreizend, wir hatten noch Korsetts und trugen Stiefel und manchmal Badekleidung, das war verpönt.

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Sporenda: Wie war die Polizei zu euch?

Sabrina: Sie kamen drei oder vier Mal, sie sagten uns, dass sie uns nicht mochten, und einmal gaben sie zu Protokoll, dass meine Vorhänge nicht den richtigen Abstand hatten.

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Sporenda: Die Vorschriften in Bezug auf diese Fenster sind also sehr streng?

Sabrina: In diesem Land ist es ein Horror. Wir sollten nicht zu sexy sein und sollten nicht nach draußen gehen. Wir waren Ausländerinnen, und die Polizei warnte uns mehrere Male, dass wir unter Beobachtung stünden. Die Polizei war beteiligt an der Prostitution: Alle drei Monate bezahlte jede Prostituierte eine « Provision » von 3000 an die örtliche Polizei, und viele Polizisten besuchten das Haus und hatten Anspruch auf Gratisgetränke.

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Sporenda: Wer waren die Mädchen, die mit dir arbeiteten?

Sabrina: Im ersten Fenster waren Französinnen, im zweiten Ausländerinnen, Ungarinnen. Sie wurden dort von einem Mann untergebracht, der offiziell als Impresario präsentiert wurde, der aber eigentlich ein Zuhälter und Schleuser war (er brachte Menschen aus Osteuropa illegal in dieses Land). Dazu muss gesagt werden, dass wir offiziell gar keine Prostituierten waren, sondern als Kellnerinnen und Hostessen ausgewiesen wurden, aber natürlich waren wir dort, um Sex mit den Kunden zu haben. Das Haus führte ein Register über die « Kellnerinnen » und « Hostessen », das regelmäßig von der Polizei kontrolliert wurde. Am ersten Ort war die Frau Besitzerin von drei Fenstern, und am zweiten war ich offiziell die Besitzerin, aber nur dem Namen nach.

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Sporenda: Gab es es medizinische Untersuchungen?

Sabrina: Nein, sie haben nie etwas in der Art von uns verlangt.

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Sporenda: Und wie war es mit Steuern?

Sabrina: Ich habe nie in meinem Leben Steuern bezahlt, ich weiß nicht, was das ist, aber ich gab mein Geld an Z, die es ihrem Freund gab. Im Vergleich zu anderen Zuhältern waren sie « anständig »: Man teilte 50/50. Es war noch ein wenig, wie die Prostitution früher war, die Atmosphäre war familiär…

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Sporenda: Ihr Freund war ihr Zuhälter?

Sabrina: Ja, das kann man so sagen, und indirekt war er auch der meine. Ich glaube, er hatte Gefühle für sie; er benutzte sie, aber wenigstens hat er sie nicht geschlagen. Ein anderes Mädchen, das ich kannte, hatte auch einen Zuhälter, aber der nahm Drogen und schlug sie; er war wegen Drogenhandels im Gefängnis.

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Sporenda: Wie waren denn die Kunden?

Sabrina: Ruhiger, weniger aggressiv als in Frankreich. Einmal wollte mich ein Mann zum Analverkehr zwingen, eine Praxis, der ich nicht zustimme, aber ich hatte die Situation unter Kontrolle. Eine weitere Sache, die ich nicht mag, ist, dass sie dich in diesem Land küssen wollen, aber auf den Mund, und das macht man nicht mit jedem. Einige waren ganz nett, aber viele waren grob und herablassend. Ich erinnere mich an einen Kunden, der wie ein brutales Tier war und mir wirklich weh getan hat. Ich sagte es ihm, und er erwiderte, während er einfach weitermachte: « Dafür bist du doch da, du bist nur eine Puppe, die man aufblasen kann! » Ich protestierte: « Aber ich bin ein Mensch, ich bin lebendig! » Da ist er vor Lachen fast explodiert und machte sich über mich lustig.

Als ich damit anfing, geschah es manchmal, dass ich viel Spaß mit einem Kunden hatte, der sich nicht zu dumm anstellte. Sehr schnell wurde das völlig unmöglich für mich, nicht nur mit Kunden, sondern mit jedem Mann. Jedes Verlangen, das ich nach Männern haben konnte, war weg, ich konnte kein Verlangen mehr empfinden. In der Prostitution hat der Kunde Sex, aber für die Prostituierte ist es völlig entsexualisiert, und schließlich wird ihre Sexualität getötet.

Ein weiterer meiner Kunden hatte mit Freunden gewettet, er könne « eine Hure genießen machen », wie er sich ausdrückte. Er zahlte ein Komplettangebot, und ich sagte ihm, er könne es ja mal versuchen, obwohl ich dachte, das sei nicht möglich, und natürlich war er erfolglos.

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Sporenda: Welchen sozialen Hintergrund hatten die Kunden?

Sabrina: Es waren Bürger, Richter, Polizeikommissare, einige Polizisten kamen sogar in Uniform und bezahlten für die Flaschen. Es waren junge Menschen, 40-Jährige und Verheiratete, die alle zehn Tage oder einmal pro Woche kamen. Manchmal mussten wir quasi Sozialarbeiterinnen für sie sein: Einige erzählen von ihrem Leben, fallen in frühkindliche Verhaltensmuster zurück, sie lieben es, verhätschelt und in den Arm genommen zu werden. Manche haben abscheuliche Neigungen, mit SM oder Kot. SM ist besser für die Frauen, wenigstens wird man nicht penetriert, physisch ist es weniger schmerzhaft, man geht kein Risiko ein.

Wie soll man einem Mann Zuneigung oder gar Respekt entgegenbringen, wenn man all dies gesehen hat? Wie soll man von ihnen träumen, wenn man sieht, wozu einige Männer in der Lage sind? Und dann gibt es diejenigen, die ohne Kondom ficken wollen; ich bin fassungslos und schockiert über die Zahl der verheirateten und in jeder Hinsicht gut gestellten Männer, die so etwas verlangen.

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Sporenda: Wie erklären Sie sich, dass einige Prostituierte, die von ihrem Zuhälter ausgebeutet und/oder missbraucht werden, sich dennoch mit ihm verbunden fühlen?

Sabrina: Man ist sehr einsam in diesem Geschäft, und sie brauchen Gesellschaft. Es ist so schwer, man sehnt sich nach der Gegenwart eines Menschen. Noch heute habe ich die ganze Nacht den Fernseher an, denn als ich noch Prostituierte war, konnte ich es nicht ertragen, in ein leeres Hotelzimmer zurückzukehren.

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Sporenda: Was hast du denn gemacht, wenn du nach Hause kamst?

Sabrina: Zuerst nahm ich eine Dusche oder ein Bad, ich habe mich überall gebürstet und geschrubbt. Ich fühlte mich sehr einsam.

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Sporenda: Konntest du bestimmte Praktiken ablehnen?

Sabrina: Die Frau, die das Haus beaufsichtigte, sagte, sie wolle uns nicht zwingen, ich verweigerte bestimmte Praktiken. Die Kunden haben eine Menge zu verbergen: Die Tatsache, dass sie zu Prostituierten gehen, kann ihr Leben ruinieren. Sie schämen sich, und doch kamen uns noch einige mit der Moral. Einige unserer Stammgäste ermutigten uns auszusteigen, das ist scheinheilig, eine typische Fantasie der Kunden. Vor den Fenstern gab es Menschen, die uns beschimpften, andere spuckten auf das Fenster.

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Sporenda: Wie viele Kunden hattest du im Schnitt pro Tag?

Sabrina: Ich verdiente 3000 bis 20000. Es gab Tage, an denen Flaute war und niemand kam, und solche, an denen sich die Kunden die Klinke in die Hand gaben. Im Durchschnitt verdiente man 10000, das macht fünf Kunden pro Tag. Es ist nicht dasselbe Tempo in den Fenstern wie auf der Straße, es länger dauert, aber es kostet mehr.

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Sporenda: Und deine Meinung über die Kunden?

Sabrina: Sie sind ein Nichts für mich, in meinen Augen existieren sie nicht. Sie sind Brieftaschen auf Beinen, sie schauen auf uns herab, aber sie sind nicht besser als wir. Mich überkommt immer noch der Zorn über das, was sie mir angetan haben.

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Sporenda: Würden Sie dem Gedanken zustimmen: « Prostituierte tun dies, weil es ihnen gefällt »?

Sabrina: Keine Zustimmung! Es gefällt ihnen nicht, niemand mag so etwas, das ist nicht das, was man sich im Leben erträumt. Sie tun es, weil sie denken, sie könnten nichts anderes tun für ihren Lebensunterhalt.

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Sporenda: Sind dir auch Töchter aus gutbürgerlichen Familien in der Prostitution begegnet?

Sabrina: Nein, niemals; einmal habe ich eine Abiturientin getroffen, aber das war die Einzige.

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Sporenda: Und wenn du den Kunden eine Botschaft mitgeben könntest?

Sabrina: Ehrlich gesagt, ihr seid arme Schweine, Idioten, ihr solltet nicht kommen. Denn dann gäbe es auch keine Prostitution mehr. Ich hatte das Glück, aussteigen zu können – und viele haben dieses Glück nicht -, trotzdem habe ich einige gesundheitliche Probleme. Denn es hinterlässt moralische und physische Spuren. Ich leide an sexuell übertragbaren Krankheiten: Pilzinfektionen, entzündliche Erkrankungen des Beckens, und ich hatte noch Glück, kein AIDS zu bekommen, denn die Kondome reißen – vor allem wenn man seine Regeln hat, und selbst wenn man Schwämmchen einsetzt. Wenn das, was ich sage, auch nur einem einzigen Mädchen helfen kann, sich davon zu lösen, wäre ich glücklich.

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*Auf Wunsch der Person wurde der Name geändert.

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Zuerst auf der Website von Isabelle Alonso veröffentlicht am 09.12.2007

http:/isabelle-alonso.com/article.php3 ? id_article=126

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