– Kajsa Ekis Ekman : « Prostitution ist die Feindin sexueller Befreiung »

Kajsa Ekis Ekman

Prostitution ist die Feindin sexueller Befreiung

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Prostitution ist in Wirklichkeit sehr einfach. Sie ist Sex zwischen zwei Menschen – von denen einer das will und der andere nicht. Da Begehren nicht vorhanden ist, wird es durch Bezahlung ersetzt. Diese Ungleichheit der Lust ist die Basis aller Prostitution, sei sie „VIP Escort“ oder die moderne Sklaverei des Menschenhandels. Grundlage ist immer der gleiche Zustand: Eine Person will Sex, die andere nicht. Geld mag dem Käufer „Zustimmung“ und sogar vorgetäuschten Genuss während des Aktes erkaufen, aber dies unterstreicht nur die Tatsache, dass die andere Person Sex hat, obwohl sie oder er ihn nicht wirklich möchte.   Egal, was alles gesagt oder getan wird, um das zu vertuschen, gäbe es gegenseitiges Begehren, gäbe es keine Bezahlung – und das wissen wir alle. Prostitution steht daher in Feindschaft zu sexueller Befreiung, zu Lust und zu freiem Willen. Dies ist natürlich nur eines der Probleme, die zur Prostitution gehören. Dazu gehören auch die Gewalt, die Armut, die hohe Sterblichkeit, die Zuhälter – seien sie Maffia oder Staat – und ein ganzer Geschäftszweig, der von der Ungleichheit der Lust zehrt. Das Sex-Geschäft ist ein extrem gegendertes, geschlechtsspezifisches Phänomen. In erster Linie betrifft es Frauen und Mädchen, die an Männer verkauft werden: 98% der Menschen, deren Leben durch Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung verkauft wird, sind Frauen und Mädchen.   Eine Minderheit sind Männer und Frauen, die an andere Männer verkauft werden.

Gleichzeitig gibt es eine neue Art, über Prostitution zu sprechen. Sie heißt jetzt „Sexwork“. Ihre Verfechter sagen, Prostitution sei ein Job wie jeder andere. Dass der Verkauf von Sex nicht als Verletzung unserer Rechte angesehen werden soll, sondern eher als ein eigenes Recht. Dass wir uns eher auf den Gebrauch von Kondomen und ordentliche Bezahlung konzentrieren sollten. Sie sagen, mit der Legalisierung der Prostitution verschwänden ihre negativen Aspekte und die Obrigkeiten könne sie kontrollieren und dass prostituierte Menschen Gewerkschaften gründen könnten und besser bezahlt würden. Sie behaupten, dass die Prostitution nicht an sich schädlich ist, dass das, was zwischen einverstandenen Erwachsenen passiert, deren Sache ist. Nicht selten machen sich feministische und sozialistische Organisationen zum Sprachrohr diese Argumentation: Arbeit, Gewerkschaften, Rechte und Selbstbestimmung. In der Welt der Prostitution, wurde der Begriff „Job“ schon lange benutzt, damit nicht ausgesprochen werden muss, was passiert, eine Art perverse Ironie. „Gehst Du anschaffen?“, von einem bestimmten Blick begleitet, und die andere Person hat schon verstanden, worum es geht. Aber heutzutage wird dieser Begriff allen Ernstes in Kommentaren, in der Politik und von internationalen Organisationen verwendet: Aus Prostitution ist ein Job geworden. Wir hören das seitens der postmodernen Linken genauso wie von der neoliberalen Rechten. Gemäß dieser Denkweise hat Prostitution nichts mit dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen zu tun, sondern ist lediglich eine geschäftliche Transaktion. Wir sollen also in Geschäftssprache darüber sprechen. Obwohl weltweit die absolute Mehrheit der Menschen in der Prostitution Frauen und Mädchen sind, und die absolute Mehrheit der Käufer Männer sind, sollen wir nicht mehr über Männer und Frauen reden, sondern über „Anbieter“ und „Kunden“. Statt Prostitution sollen wir „kommerzieller Sex“ sagen und statt Prostituierte „Sex Worker“ – Begriffe, die den Anschein der Neutralität erwecken. In den Niederlanden, in denen alle Aspekte der Prostitution legal sind, werden Bordellbetreibende „Geschäftsleute“ genannt; in Australien, „Dienstleister“.

Den Rechten der Sexarbeiterin entspricht kulturell der „Kult der Hure“ in intellektuellen Kreisen, in denen die Hure als modisch angepriesen wird. Die Hure ist in sich hip. Das Wort „Hure“ kann noch das langweiligste Buch oder die fadeste Party aufmischen, es trieft vor Exotik und sexueller Anregung. Es wird immer mehr davon gesprochen, dieses Wort müsse zurückerobert werden. Sie nennen es eine Ehrerbietung: Die Hure wurde von der Gesellschaft verachtet – jetzt müssen wir sie erhöhen! Aber diese Geste dient in Wirklichkeit nur dazu, sich selbst von der prostituierten Frau abzugrenzen. Man kann sich „Hure“ um den Hals hängen, „Ich trage sie wie ein Accessoire, und damit zeige ich, dass ich sie nicht bin.“

Die Sexarbeiter_innen Geschichte ist die zeitgemäße Rechtfertigung für die Sexindustrie, so wie es die „glückliche“ Hure in den 60ern war oder das „notwendige Übel“ oder die „Ventilfunktion“ im späten 19. Jahrhundert. Sie liefert der Gesellschaft die Ausrede dafür, sich nicht mit der Ausbeutung, dem Elend und der Ungleichheit, die die Prostitution mit sich bringt, auseinandersetzen zu müssen. Mit ihrem Wachstum versucht die Sexindustrie, legalisiert zu werden und es ist ihr, wie in Australien, geglückt, an der Börse notiert zu sein. Die Story der „Sexarbeiter*“ oder des „Jobs wie jeden anderen“ passt diesem Geschäftszweig perfekt, während sie gleichzeitig Feministinnen und der Linken die Entschuldigung liefert, nicht zu handeln.

Die Fakten der Prostitution sprechen jedoch eine andere Sprache: Dass es sich definitiv nicht um einen Job wie jeden anderen handelt. Für die Frauen und Mädchen in der Prostitution liegt die Sterblichkeitsrate 40 Mal über dem Durchschnitt. Keine Gruppe hat, unabhängig von ihrer Berufs- oder Lebenssituation, eine so hohe Mortalitätsrate wie prostituierte Frauen. Eine bedeutende Studie unter der Leitung von Dr. Melissa Farley über Individuen in der Prostitution wurde 2003 von einem ÄrztInnen- und PsychologInnenteam durchgeführt, die 800 Prostituierte in 9 Ländern interviewten. Die Ergebnisse zeigen, dass 71 Prozent in der Prostitution körperlich angegriffen wurden, 63 Prozent vergewaltigt wurden, dass 89 Prozent sagten, sie wollten die Prostitution verlassen und würden das tun, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Welch anderer Beruf kann damit verglichen werden?

Meiner Meinung nach muss jede Gesellschaft, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzt, für den Respekt vor dem Leben und der Würde und einer fairen Zukunft für junge Mädchen, gegen Prostitution kämpfen. Aber nicht, indem sie die prostituierten Menschen bekämpft! Nein – indem sie die Ausbeuter bekämpft: Die Sexindustrie und die Käufer. Es ist der Käufer, nicht die Prostituierte, der hier wirklich eine Wahl hat.

Schweden verabschiedete 1998 ein Gesetz, dass den Kauf sexueller Leistungen unter Strafe stellt. Es war das erste Mal weltweit, dass die Gesetze zur Prostitution auf den Käufer zielten. Dies bedeutet, dass es absolut legal ist, überall Sex anzubieten, es jedoch illegal ist, ihn zu kaufen. Dies war das Ergebnis eines 30-Jährigen Kampfes seitens der Frauenbewegung, der Sozialarbeit und der Forschung.

Dreizehn Jahre nach Einführung des Gesetzes ist der Sexkauf deutlich zurückgegangen. Die Sexindustrie musste einpacken und abziehen, zusammen mit den meisten Menschenhändlern. Vor dem Gesetz kaufte 1 von 8 Männern in Schweden Sex, heute ist die Zahl auf 1 von 13 gesunken. In Deutschland, wo die Sexindustrie legal ist, kauft 1 von 4 Männern Sex. Es wird oft gesagt, dass Sexkauf für Männer „natürlich“ ist – aber diese Statistiken widerlegen das, denn wenn es wahr wäre, dann würde weltweit die gleiche Anzahl an Männern Sex kaufen. Heute wird in Schweden der Sexkauf als etwas angesehen, das nur „Loser“ und Männer außerhalb der Gesellschaft tun. Echte Männer kriegen auch Frauen ohne für sie zu zahlen, denkt unsere Generation. Einen anderen Menschen auszubeuten, ist weder „natürlich“ noch „biologisch“ – selbst wenn uns die Sexindustrie das glauben machen will. Ihre größte Sorge ist, dass jeder Sex umsonst kriegt, weil wir ihn wollen – das wäre das Ende ihres Marktes. Wie es ein Bericht über die australische Sexindustrie formuliert: Die Zukunft der Sexindustrie sieht gut aus – trotz der Konkurrenz durch unbezahlten Sex. Jetzt wissen wir es – jedes Mal, wenn wir umsonst Sex haben, stehen wir in Konkurrenz zur Sexindustrie.

Übersetzung : TRADFEM

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