– Darf man das tun? Gedanken über wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nach der Lektüre von Susanne Dodillets Buch « Är sex arbete? » (Ist Sex Arbeit?)

Von Sven-Axel Månsson (12. März 2009)

Quelle: http://www.socialpolitik.com/far-man-gora-sahar/

Der Gegenstand des Buches, bei dem es sich um eine Dissertation über die Geschichte der Konzepte handelt, ist der Vergleich der deutschen und schwedischen Gesetzgebung seit den 70er-Jahren. Der Hintergrund ist, dass diese beiden Länder verschiedene Wege beschritten haben. Deutschland hat eine aktive Legalisierung der Prostitution implementiert. 2001 beschloss das Parlament ein Gesetz, dessen erklärtes Ziel es war, Prostitution in die Gesellschaft zu integrieren. Das Gesetz regelt die Rechtsverhältnisse der Prostituierten in verschiedenen Bereichen. Vereinfacht könnte man sagen, es behandelt die Prostitution wie jeden anderen Beruf. In Schweden verlief die Gesetzgebung anders. Um das Geschäft einzugrenzen, entschied man sich seit 1999 u. a. dafür, den Kauf sexueller Dienstleistungen zu verbieten.

Die Verfasserin argumentiert in der Einleitung ihrer Dissertation, es sei nicht ihr Ziel, irgendeines der Gesetze abzulehnen, ohne verstanden zu haben, warum die Gesetzgeber der beiden Länder zu solch unterschiedlichen Interpretationen gelangt sind. Trotz dieser Versicherung merkt der Leser/die Leserin schnell, wo die größte Sympathie liegt. Eins der Hauptargumente Dodillets ist, das schwedische Gesetz sei über die Köpfe derer hinweg eingeführt worden, denen es eigentlich helfen soll, nämlich der Prostituierten. Die deutsche Gesetzgebung sei hingegen das Ergebnis der Inspiration und der Wünsche der Betroffenen selbst.

Meine Kritik der Abhandlung betrifft die Art, wie die Autorin ihre Thesen zu belegen versucht. Meinem Verständnis nach gibt es ernsthafte Probleme mit der wissenschaftlichen Akribie, d. h. mit der Genauigkeit und Glaubwürdigkeit. Vielleicht hätte die Dissertation nie anerkannt werden sollen; ich komme noch auf diese Frage zurück. Darüber hinaus muss meine Kritik an Dodillets Text besonderen Bedingungen unterliegen. Denn ich bin einer von denen, deren Bücher auf diesem Gebiet in dem Text durchleuchtet werden. Das ist eine missliche Situation, denn es gilt, bei der Lektüre angesichts der starken Verdrehungen und tendenziösen Darstellungen seine Emotionen zurückhalten. Zugleich ist das eine Stärke. Meine eigenen Texte stehen dort, sie sind relativ leicht zu finden, und ich erkenne sie angesichts der irreführenden Selektivität selbst kaum mehr wieder.

Dodillets Hauptthese beinhaltet die aktuelle schwedische Prostitutionspolitik, die weitgehend auf dem wissenschaftlichen und sozialen Programm Schwedens der 70er- und 80er-Jahre basiert. Das Problem sei, so meint sie, dass die ForscherInnen nicht den Prostituierten zugehört hätten. Vor allem Männer seien abgeneigt, « positive Prostitutionserfahrungen » in ihre Forschung einzubeziehen. Die in diesen Jahren verfassten Bücher und Forschungsarbeiten zeichneten ein viel zu dunkles Bild der Tätigkeit. Außerdem glaubt sie, die im Prostitutionsmilieu tätigen SozialarbeiterInnen hätten nicht den eigenen Willen der Prostituierten zum Einstieg in die Prostitution respektiert. Die Freude und Lust an der « Arbeit » würden von den ForscherInnen und SozialarbeiterInnen weder ausreichend beschrieben noch geschätzt, so Dodillet. [Anm. d. Übers.: Im Folgenden werden der Einfachheit halber nur die jeweils männlichen Formen benutzt.]

Diese Theorie kennt man von anderen Bücher aus diesem Bereich, darunter das der Debattenteilnehmerin Petra Östergren « Porr, horor och feminister » (Pornografie, Huren und Feminist_innen), das vor einigen Jahren erschien. Östergren dankte zudem im Vorwort des Buches für die Inspiration durch die Autorin. Dodillet kann natürlich jede ihre genehme Auffassung über den gesellschaftlichen und menschlichen Wert und Nutzen der Prostitution vertreten; die Debatte ist frei. Aber wenn sie versucht, ihre persönliche Meinung zur Wissenschaft zu machen, scheitert das Ganze. Ein Forscher muss in der Lage sein, höheren Anforderungen in Bezug auf Genauigkeit und Glaubwürdigkeit zu entsprechen als ein Diskutant. Und Tatsache ist: Um ihre These unter Dach und Fach zu bringen, sieht sich Dodillet offenbar genötigt, die Realität zu verdrehen.

Ich bin sicherlich nicht der Erste, der dies bemerkt hat. DN-Journalistin Kajsa Ekis Ekman [DN = Dagens Nyheter, eine überregionale schwedische Tageszeitung], die die Arbeit untersucht hat, spricht von « Geschichtsverfälschung » (« historieförvanskning ») (DN vom 20.02.2009: http://www.dn.se/dnbok/bokrecensioner/susanne-dodillet-ar-sex-arbete-svensk-och-tysk-prostitutionspolitik-sedan-1970-talet/ ). Harte Worte. Was ich selbst sagen kann, ist: Es gehört zu Dodillets Arbeitsmethodik, nach Belieben Fakten herauszupicken, quellenkritische Regeln zu ignorieren und im Großen wie im Kleinen zu verschleiern und zu beschönigen, um ihre Ziele zu erreichen. Hinsichtlich Qualität und Methodik ist die Arbeit unterdurchschnittlich, in einigen Teilen handelt es sich schlicht um Verfälschung. Ich werde einige Beispiele solcher Unregelmäßigkeiten in der Dissertation anführen, aber zuerst ein paar Worte über das « Opferdenken », eine der Thesen Dodillets.

In dem Buch widmet sie dem Malmö-Projekt (1977-1981) viel Raum. Dies war das erste soziale Projekt in Schweden, das Prostituierten aus dem Sexgewerbe heraushelfen wollte. Das Projekt wurde zu einem Trendsetter für andere ähnliche Bemühungen, z. B. in Göteborg, Stockholm, Norrköping und Oslo. Dodillet ist sehr kritisch; ihr Hauptargument ist, die Sozialarbeiter hätten die Prostituierten als Opfer betrachtet, die nicht wüssten, was für sie am besten sei. So hätten sich die Sozialarbeiter die Freiheit genommen, die Prostituierten in unterschiedlicher Weise zu manipulieren, um sie gegen ihren Willen zum Ausstieg aus der Prostitution zu bewegen. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf, aber völlig falsch. Ich habe selbst in dem Projekt gearbeitet und weiß, wovon ich rede.

Es ist ganz offensichtlich, dass viele der Frauen, mit denen wir Kontakt hatten, Opfer von Armut, missbrauchenden und gewalttätigen Eltern, emotional verarmten Kindheitsumgebungen, Langzeit-Pflegefamilien und Anstaltsaufenthalten waren, und in einigen Fällen Opfer sexuellen Missbrauchs. Das Leben war hart mit ihnen umgegangen, was ihre Entscheidungen beeinflusst hatte. Diese Mechanismen zu verstehen ist jedoch nicht gleichbedeutend damit, die Frauen ihres Aktionspotenzials zu berauben, was Dodillet zu glauben scheint. Wir haben die Frauen nie als hilflos oder unfähig betrachtet.

Dodillets Spöttelei über das « Opferdenken » und, vielleicht vor allem, ihre vereinfachende Sicht auf die Mechanismen, die zu Schwierigkeiten für Frauen in der Prostitution führen, ist äußerst frustrierend. Nirgendwo in diesem dicken Buch über Prostitution gibt es auch nur einen einzigen Hinweis auf fundierte Kenntnisse dieser Mechanismen. Frustrierend und zutiefst beunruhigend, denn die schwedische Prostitutionsforschung hat in diesem Bereich viel zu bieten, z. B. den Expertenbericht von 1977 über Untersuchungen zur Prostitution (Borg et al. 1981), aber auch das von Ulla-Carin Hedin und mir verfasste Buch « Vägen ut! Om kvinnors uppbrott ur prostitutionen » (Der Weg hinaus – Über den Ausstieg von Frauen aus der Prostitution) (1998).

Darüber hinaus besteht die Beschreibung der Malmö-Projektarbeit aus einer tendenziösen Auswahl und Zusammenwürfelung von Zitaten aus Büchern und Dissertationen der Projektmitglieder. Ein immer wiederkehrendes Verfahren der Entstellung in dieser Arbeit ist das Zusammenführen unzusammenhängender Sätze aus verschiedenen Textabschnitten, um dadurch die Bedeutung des ursprünglichen Textes zu verlagern und zu verändern. Im Hinblick auf das Malmö-Projekt wird diese Technik angewandt, um ein Bild von manipulativen Sozialarbeitern und widerstrebenden Klientinnen [= den Prostituierten] zu zeichnen. In meiner eigenen Dissertation über die Beziehung zwischen Zuhältern und Prostituierten (Mansson 1981) schreibe ich über die verschiedenen Kategorien von Menschen, mit denen wir neben den prostituierten Frauen durch die Sozialarbeit in Kontakt kamen. In einem Abschnitt beschreibe ich, wie einige Frauen sich entschieden, uns, die Sozialarbeiter, außerhalb ihrer Privatsphäre zu halten, während andere mit uns über ihre Beziehungen sprachen. Hier ist der Text des Originals:

Während unserer Arbeit mit den Frauen kamen wir auch in engen Kontakt mit ihren Verwandten und Freunden, insbesondere mit ihren Lebenspartnern. Jedoch nicht in allen Fällen. Absichtlich oder unabsichtlich entschieden einige Frauen, uns aus ihrem Privatleben herauszuhalten. In einigen Fällen erfuhren wir schließlich aus den eigenen Erzählungen der Frauen von der Existenz anderer Menschen. Insgesamt haben wir einfach verschiedene Arten von Wissen über die verschiedenen Beziehungen, die zwischen Männern und Frauen im Sex-Handel existieren können (Månsson 1981: 48-49).

In Dodillets Darstellung klingt das so:

« Absichtlich oder unabsichtlich entschieden einige Frauen, uns aus ihrem Privatleben herauszuhalten », schreibt Månsson, und nur « [in] einigen Fällen », erzählten die Frauen über ihre persönlichen Beziehungen. Eine Diskussion über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Frauen führt er nicht, aber beruhigt seine Leser: « Insgesamt haben wir einfach verschiedene Arten von Wissen über die verschiedenen Beziehungen, die zwischen Männern und Frauen im Sex-Handel existieren können » (Dodillet 2009: 115).

Welche Belege gibt es in meinem Text für eine « mangelnde Kooperationsbereitschaft » der Frauen? Gar keine. Aber das scheint die Autorin nicht zu kümmern. Nach eigenem Ermessen verfährt sie mit ihren Quellen, schneidet sie aus und fügt sie ein; der Zweck heiligt die Mittel. Hier ein anderes Beispiel, wie Zitatfragmente aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen werden, um ihnen in der politischen Argumentation der Autorin eine völlig neue Bedeutung zu geben. Im ursprünglichen Text klingt meine Beschreibung der Organisation der Sozialarbeit beim Malmö-Projekt folgendermaßen:

Zwei Sozialarbeiter mit langjähriger Erfahrung in der Sozialarbeit waren in das Projekt eingebunden. Da es sich um ein Pilotprojekt handelte und es damals keine Vorbilder für solche Tätigkeiten von anderer Seite gab, existierten zu Beginn des Projekts keine ausgearbeiteten und anerkannten Stellenbeschreibungen für die beiden Sozialarbeiter. Das Einzige, was den beiden gesagt wurde, war, dass es sich um eine Art Pilotprojekt sozialen und therapeutischen Engagements für die Prostituierten in Malmö handele. Das Ziel dieser Arbeit sei vor allem, den Prostituierten aus dem Sexgewerbe herauszuhelfen in ein anderes, besseres Leben (Månsson 1981: 33).

In Dodillets Fassung wurde dies auf fünf Worte verkürzt als Beleg dafür, dass die Sozialarbeiter den eigenen Willen der Prostituierten nicht respektiert hätten.

Die hartnäckigen Versuche des Malmö-Projekts, Prostituierte, die ihre Dienstleistungen verkaufen wollten, « einem anderen und besseren Leben » zuzuführen, könne als Ausdruck dafür angesehen werden. Eine Existenz außerhalb der Gesellschaft sei für Stig Larsson, Sven-Axel Månsson und ihre KollegInnen undenkbar, ebenso wie für Hägerström und Myrdalarna (Dodillet 2009: 210; Hervorhebung in Kursiv von mir).

Wenn ich Dodillets verzerrende Darstellung der Malmö-Projektarbeit lese, bin ich geneigt, Kajsa Ekis Ekman zuzustimmen; wenn es keine Verfälschung ist, so doch zumindest eine grobe Verzerrung.

Dodillet schließt ihre tendenziöse Darstellung des Malmö-Projekts mit dem Bedauern darüber, dass nach dessen Beendigung vor 28 Jahren fast niemand seine Inhalt und Ergebnisse « in Frage gestellt » habe. Man beachte die Wortwahl: « in Frage gestellt ». Warum nicht « bewertet »? Sie scheint davon auszugehen, dass die Ergebnisse des Malmö-Projekts nicht stimmen. Zurückhaltenden Schätzungen zufolge hatten 111 von 153 Personen nach Beendigung des Projekts mit hoher Wahrscheinlichkeit die Prostitution verlassen (Larsson 1983: 215). Es ist offensichtlich, dass der Erfolg des Projekts Dodillet irritiert. Ihre These ist, dass die Frauen gegen ihren Willen die Prostitution verlassen haben, was im Klartext 111 willfährige Opfer einer besorgten Gesellschaft bedeuten würde?! Dodillets Unterstellungen sind geschmacklos, aber damit können meine ehemaligen Kollegen und ich immer noch relativ gut umgehen. Doch die Gefahr ist offensichtlich, dass sie als eine Beleidigung für jene Frauen wahrgenommen werden, die die schwierige Herausforderung, mit der Prostitution zu brechen, angenommen haben.

Die unseriöse und selektive Beweisführung geht weiter, als sie im nächsten Abschnitt ihrer Arbeit die Ergebnisse der Prostitutionsrecherche aus dem Jahr 1977 beschreibt. Die Theorie ist die gleiche: Die Ermittlungsarbeit sei durchgeführt worden, ohne dass die Prostituierten selbst zu Wort gekommen seien. In Kajsa Ekis Ekmans Kritik an der Dissertation geht es gerade um die Darstellung der Arbeitsweise bei dieser Untersuchung (DN vom 20.02.2009: http://www.dn.se/dnbok/bokrecensioner/susanne-dodillet-ar-sex-arbete-svensk-och-tysk-prostitutionspolitik-sedan-1970-talet/ ). Die Geschichte ist die: Der Auftrag der Untersuchung waren Tiefeninterviews, die Hanna Olsson, Sekretärin der Kommission, mit 25 Frauen über das Leben in der Prostitution führte. Die Treffen mit den Frauen erstreckten sich über drei Jahre, und das Ergebnis ist ein langer Text von 140 Seiten, der für viele den Durchbruch bedeutete im Verständnis dafür, wie Prostitution sich auswirkt und welche Konsequenzen sie für die Frauen hat. Der Text enthält lange und detaillierte Zitate, in denen die Frauen über die Vereinbarungen und die Treffen mit den Käufern berichten, über die psychologischen Abwehrmechanismen und die Rolle der « Hure ». Dodillet fertigt den Text mit den Worten ab: « Es gibt nur ein paar kurze Zitate. » Ekis Ekman hat nachgezählt – tatsächlich sind es genau 219 Zitate (DN vom 26.02.2009).

« Prostitutionsforschung am Rande des Scheiterns » lautet der Titel eines Blogeintrags über die Arbeit Dodillets, verfasst von der Rechtsanwältin Jenny Westerstrand aus Uppsala, die über lange Jahre die Prostitutionsdebatte verfolgt hat und ihre Doktorarbeit über internationales Recht und Diskurse über Prostitution und Menschenhandel schrieb ( http://jennywesterstrand.blogspot.com/2009/02/prostitutionsforskning-over-randen-till.html ). Westerstrands Kritik bezieht sich nicht auf Dodillets Darstellung des Malmö-Projekts oder der Prostitutionsrecherche von 1977, sondern auf einen anderen Teil der Arbeit, in dem es um das Zustandekommen des Sexkauf-Gesetzes in den 1990er-Jahren geht. Westerstrand schreibt: « Das Kapitel aus der Dissertation über das Schweden der 90er-Jahre entbehrt aller Zusammenhänge zwischen empirischen Daten und Schlussfolgerungen. Unverschämt ist auch Dodillets Zitierstil, der einem Kino-Trailer ähnelt; das heißt, beim Lesen des ganzen Zitats versteht man etwas anderes als das, was sie daraus zur Veranschaulichung verwendet hat. Das ist schockierend. Darf man das tun? »

Ja, offensichtlich. Zumindest, wenn man die Zuständigen beim Institut für Geistes- und Sozialwissenschaften der Uni Göteborg fragt. Ende Februar wurde die Doktorarbeit anerkannt. Dass man sich das traut, dachte ich. Hat man keine Angst um seinen Ruf? Gerade erst hat sich die Aufregung um die sogenannte Gillberg-Affäre gelegt. Und dann dies. « Es zeichnet sich ein wissenschaftliches Umfeld ab, dem es an Grenzen mangelt… », schreibt Jenny Westerstrand. « Denn eine derartige Unbekümmertheit, wie ein kritischer Leser das Werk aufnehmen könnte, habe ich selten gesehen. Hier muss man wohl ganz kühl mit Unterstützung rechnen, unabhängig vom inhaltlichen Charakter und dem gewissenhaften Umgang mit den Quellen. »

Zahlreiche Forschungsprojekte in den Sozial- und Geisteswissenschaften beruhen auf dem sozialen und politischen Engagement der Forscher. Das ist ganz natürlich, aber es bedeutet nicht, dass die Forschung nach Belieben durchgeführt werden darf. Interpretationen und Schlussfolgerungen müssen auf einem zuverlässigen und professionellen Umgang mit den Quellen beruhen. Wie ich gezeigt habe, weist Dodillets Dissertation in dieser Hinsicht entscheidende Mängel auf.

Es kommt natürlich vor, dass die Verfügbarkeit von Quellenmaterial ein Haupthindernis für den Forscher darstellt, aber darum geht es in diesem Fall ja gar nicht. Dodillet hat über ein zeitgenössisches Phänomen geforscht, und die Verfügbarkeit an Materialien ist umfangreich. Das Problem ist vielmehr, dass sie genau jenes Material ausgewählt hat, das zu ihrer These passt. Eine bewährte Forschungsmethode besteht darin, verschiedene Quellen zu verwenden, um ein und dasselbe Phänomen zu veranschaulichen und ihre Interpretationen nachzuprüfen. Dodillet hätte beispielsweise die Möglichkeit gehabt, Interviews mit den Wissenschaftlern und Sozialarbeitern zu führen, um das von ihr gesammelte Material zu vervollständigen. Sie war sich natürlich dieser Möglichkeit bewusst, aber es ist nicht schwer den Grund zu erraten, warum sie darauf verzichtet hat. Es bestand das Risiko, dass ihr bereits vorgefertigtes Bild dadurch komplizierter und nuancierter würde!

Dodillet beendet ihr Buch mit einem Vorschlag für eine neue Prostitutionspolitik. Ich kann nicht sehen, dass sie eine « Doktorarbeit » von 600 Seiten gebraucht hätte, um bei der aktuellen Debatte anzugelangen. Denn hier sind die Verbindungen zwischen empirischen Daten und Schlussfolgerungen auch nicht ganz offensichtlich. Darüber hinaus gibt es Passagen, die eine direkte Fehlinterpretation des Quellenmaterials sind, auf das verwiesen wird. Obwohl der Vorschlag gar nicht unattraktiv ist als Beitrag zu einer Diskussion, die am Leben gehalten werden muss, nicht zuletzt weil Inhalt und Ausdruck der Prostitution sich ständig verändern.

Eine relevante und progressive Prostitutionspolitik sollte die sozialen Bedingungen reflektieren, die zum jeweiligen Zeitpunkt gelten. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, was die Prostitution in der großen, großen Mehrheit der Fälle beinhaltet, nämlich Ausbeutung: die Ausbeutung der Benachteiligung und der Verletzlichkeit anderer. Dieses Wissen zur Grundlage der Prostitutionspolitik zu machen, die wir in Schweden aufbauen, ist nicht gleichbedeutend mit einem Mangel an Respekt für die menschliche Handlungskompetenz, so wie Dodillet uns glauben machen will – im Gegenteil. Das Ziel sollte stattdessen sein, die Bedingungen für das Freisetzen dieser Fähigkeit zu schaffen, und solche Bedingungen gibt es selten oder nie in der Prostitution.

Sven-Axel Månsson ist Professor für Sozialarbeit an der Universität Malmö

Quellen:

Borg, Arne et al. (1981): Prostitution. Beskrivning, analys, förslag till åtgärder, Stockholm: Publica

Dodillet, Susanne (2009): Är sex arbete? Svensk och tysk prostitutionspolitik sedan 1970-talet, Stockholm/Sala: Vertigo Förlag

Hedin, Ulla-Carin & Månsson, Sven-Axel (19981): Vägen ut! Om kvinnors uppbrott ur prostitutionen, Stockholm: Carlssons

Larsson, Stig (1983): Könshandeln. Om prostituerades villkor, Stockholm: Skeab Förlag

Månsson, Sven-Axel (1981): Könshandelns främjare och profitörer. Om förhållandet mellan hallick och prostituerad, Karlshamn: Doxa

Zeitungsartikel und Blogs:

DN 20.02.2009: Susanne Dodillet: ”Är sex arbete? Svensk och tysk prostitutionspolitik sedan 1970-talet” von Kajsa Ekis Ekman; http://www.dn.se/dnbok/bokrecensioner/susanne-dodillet-ar-sex-arbete-svensk-och-tysk-prostitutionspolitik-sedan-1970-talet/

DN 26.02.2009: ”Dodillets enda vapen verkar vara historieförfalskning” von Kajsa Ekis Ekman

http://jennywesterstrand.blogspot.com/2009/02/prostitutionsforskning-over-randen-till.html , “Prostitutionsforskning over randen till haveri?” von Jenny Westerstrand

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